das kleine Konzert - Cantissimo

LIEBE - Songs of Love

Konzerte zum 25-jährigen Jubiläum ensemble cantissimo 

Über das Projekt

DAS HOHE LIED
Die Liebe ist nicht nur ein Gefühl. Vielmehr ist sie auch Lebensweise, eine Utopie und eine irdische Art, an der Unendlichkeit teilzuhaben.
„Wir verweilen einen Augenblick bei dem Hohen Lied, als dem Zartesten und Unnachahmlichsten, was uns vom Ausdruck leidenschaftlicher, anmutiger Liebe zugekommen. [...] Das Hauptthema bleibt glühende Neigung jugendlicher Herzen, die sich suchen, finden, abstoßen, anziehen, unter mancherlei höchst einfachen Zuständen. [...].“ Das schrieb Johann Wolfgang von Goethe 1819 in seiner Gedichtsammlung «West-östlicher Divan». In wenigen Sätzen fasste der 70-jährige Dichter zusammen, was Forschung und Deutung in Jahrhunderten erwiesen: Das »Hohelied Salomons« ist eines der eigenartigsten Bücher der Bibel: Sehnsucht, Liebe, Verlassenheit, Erotik... alle Themen der Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen werden in dieser Dichtung auf das Verhältnis zwischen Gott und seiner Schöpfung, dem Menschen, bezogen. Ähnlich wie die Psalmen Davids, des Vaters von Salomo, gehören auch seine Dichtungen über ihre Bedeutung als biblische Schriften hinaus zum poetischen Grundschatz der Menschheitskultur. Sie regten durch ihre emotionale und bildreiche Sprache die Fantasie und Kreativität von Komponisten aller möglichen Epochen an und sind bis heute eine wichtige Inspirationsquelle.
Unser Konzert präsentiert meisterhafte Vertonungen aus dem »Hohelied der Liebe« und umspannt einen Zeitraum vom Frühbarock bis in die Gegenwart. So vielfältig die Klanggestalten sind, die uns auf dieser Zeitreise begegnen, so überraschend sind doch auch immer wieder die musikalischen Anknüpfungspunkte und Parallelen bei den Reflexionen zum welt- und zeitumspannenden Thema der immer gegenwärtigen Liebe.
Die innovativen Konzertprojekte des ensemble cantissimo erfreuen sich regelmässig in der ganzen Schweiz hoher Beliebtheit beim Publikum und der Fachpresse. Im Jahr 2019 feiert das Ensemble sein 25-jährigen Bestehen u.a. mit dem Konzertprojekt «LIEBE – Songs of Love» mit Aufführungen in Obermarchtal und Konstanz. Das Besondere daran ist die Umsetzung der Chormusik in Verbindung im Dialog mit einer solistischen Querflöte, gespielt von Matthias Ziegler aus Zürich. Er spielt u.a. Werke von Debussy, Prokofiev und Improvisationen, die die Chormusik teilweise überlagern, kommentieren, ergänzen und damit neue Höreindrücke schaffen. Ziegler ist einer der vielseitigsten und innovativsten Flötisten seiner Generation. Sein Engagement gilt gleichermassen der «traditionellen» Flötenliteratur, der zeitgenössischen Musik sowie grenzüberschreitenden Musikkonzepten zwischen klassischer Musik und Jazz.


Über das ensemble cantissimo

Das 1994 gegründete ensemble cantissimo hat sich in den letzten Jahren mit einer grossen Zahl von
Rundfunk-, CD-Produktionen und spannenden Programmkonzeptionen in Europa einen hervorragenden Namen gemacht. Es zählt mittlerweile zu den gefragtesten Vokalensembles im deutschsprachigen Raum. Von der Alten Musik mit einem transparenten Klangprofil kommend, hat sich das ensemble cantissimo zum Ziel gesetzt, abseits des ausgetretenen Repertoires vergessende Meisterwerke wiederzuentdecken, aufzuführen und bekannt zu machen. Dieses Vorhaben ist immer von Neuem eine Herausforderung und erfordert viel Überzeugungsarbeit und Durchhaltevermögen, denn das sichere Wiedererkennen des Alten wird oftmals dem unsichereren Treffen des noch unbekannten Neuen oder auch neugehörtem Alten vorgezogen.
Produktionen der letzten Jahre waren u.a. Werke aus dem „Choralis Constantinus“ von Heinrich Isaac, des Mozart-Lehrers Giovanni Battista Martini, des Brahms-Zeitgenossen Heinrich von Herzogenberg, des Badischen Komponisten Franz Philipp und des Schweizers Adolf Brunner. Ausserdem widmet sich das ensemble cantissimo auch intensiv Uraufführungen neuer, teils in
Auftrag gegebener oder dem Ensemble gewidmeter Werke.
Nachdem im November 2016 die CD „War-Dreams – Gesänge vom Krieg und Frieden“ von cantissimo zusammen mit dem berühmten Raschèr Saxophone Quartet vorgestellt wurde, erschien beim Label Spektral Classics im März 2017 die neue CD
„Mensch, werde wesentlich“ mit geistlichen Werken für Chor und Orgel des Schweizer Komponisten, Philosophen und Politikers Adolf Brunner. Beide CD’s entstanden in Kooperation mit dem Schweizer Radio SRF. Im Jahr 2018 wurde das ensemble cantissimo als einziger europäischer Chor zum Yale International Choral Festival und einer Tournee an der Ostküste der USA mit Konzerten in New York und Boston eingeladen. Im Jahr 2019 feiert das ensemble cantissimo sein 25-jähriges Bestehen mit Aufführungen von Bach’s h-Moll Messe, dem Programm „Liebe – Songs of Love“ und der Wiederaufnahme der Chagall- Vesper.

Programm:

MELCHIOR FRANCK (1573 – 1639)
Fünf Hohelied-Motetten (1608)
1. Meine Schwester, liebe Braut
2. Ich sucht des Nachts in meinem Bette 3. Fahet uns die Füchse
4. O dass ich dich, mein Bruder
5. Du bist aller Dinge schön

Melchior Franck ist einer der weitverbreitesten und einflussreichsten deutschen Komponisten des Frühbarock. Seine Hohelied-Motetten gehören mit ihrer bildhaften Klangsprache zu den beeindruckendsten geistlichen Werken seiner Zeit. Moderne Hörer müssen sich dabei immer wieder vergegenwärtigen, dass es bei den Motetten nicht nur um emotionale Liebeslyrik geht, sondern um ihr eigenes Verhältnis zu Gott.

Matthias Ziegler (*1955)
SVEN-DAVID SANDSTRÖM (*1942)
Improvisation für Flöte
Four Songs of Love (2008) 1. Let Him Kiss Me
2. Until The Daybreak
3. Awake, O Northwind
4. His Left Hand

Die „Four Songs of Love“ schuf der schwedische Komponist Sven-David Sandström im Jahre 2008. Die musikalische Textdeutung ist an der Alten Musik geschult. Die Grunddynamik liegt in vielfältigen Schattierungen des Leisen, in einem Klang wie aus weiter Ferne oder wie im Traum; aus ihm heben sich Steigerungen und Ausbrüche hervor.

Claude Debussy (*1862-1918)
JEAN-YVES DANIEL-LESUR (1908 – 2002)
Syrinx für Flöte und Improvisation
Le Cantique des Cantiques
Kantate für 12-stimmigen gemischten Chor (1952) 1. Dialogue
2. La Voix du Bien-Aimé
3. Le Songe
4. Le Roi Salomon 5. Le Jardin clos 6. La Sulamite
7. Epithalame

Lesur teilte Messiaens Überzeugung, dass sich sinnliche und glaubende Liebe nicht ausschlössen, sondern als Erfahrungen ergänzten und steigerten. Seine siebenteilige A-cappella-Kantate ist ein geniales Zeugnis dafür.

Ausführende:

Matthias Ziegler, Flöte-  ensemble cantissimo - Markus Utz, Dirigent

Zu den Werken und Komponisten
MELCHIOR FRANCK FÜNF HOHELIED-MOTETTEN
Melchior Francks Motetten gehören zur Spätphase einer langen Tradition von Hohelied-Vertonungen, die von gregorianischen Gesängen des 7. Jahrhunderts über die frühe Mehrstimmigkeit und die Meisterwerke der Renaissance bis ins 17. Jahrhundert reicht, dann aber abreißt. Franck publizierte sie 1608, keine dreißig Jahre alt, im Jahr nach seiner eigenen Heirat. Seit fünf Jahren amtierte er, der unter anderem bei Hans Leo Hassler in Nürnberg gelernt hatte, als Kapellmeister des Fürsten Johann Casimir in Coburg. Der Regent, seit 1586 an der Macht, führte die fränkische Residenz in eine Blütezeit, indem er die Staatsgeschäfte neu ordnete, Künste und Wissenschaften förderte. Franck, der sich gut mit ihm verstand, dankte mit außergewöhnlicher Produktivität. Für die Motetten aus den „Geistlichen Gesäng und Melodeyen, derer der mehrer Teil aus dem Hohenlied Salomonis“ wählte er zusammenhängende Textpassagen aus Luthers Übersetzung. Es war die erste Sammlung geistlicher Chorwerke, die er in der Landessprache komponierte. Als Vorbild dienten ihm die Hohelied-Motetten des Stuttgarter Hofkapellmeisters Leonhard Lechner (1553 – 1606), stilistisch orientierte er sich an der modernen venezianischen Art, die auch sein Lehrer Hans Leo Hassler (1564 – 1612) pflegte, mit ihrer eindrucksvollen Regie von Chorgruppen, die sich zum Gesamtklang vereinen. Grundlage bildete das akkordische Singen, Franck bricht jedoch den Gleichlauf der Stimmen auf, wenn es der Textdeutung dient, wenn etwa das Fließen des Wassers, das Wehen des Windes, das Triefen der Würze, die Flucht der gejagten Füchse (eine Metapher für „Schürzenjäger“), die Fröhlichkeit des jungen Hirsches oder der Widerhall des Rufes nach der Braut in den Bergen des Libanon symbolisiert oder die Schönheit der Geliebten im Vielklang
der Stimmen gerühmt werden soll.
Hörer dieser Motetten im frühen 17. Jahrhundert waren mit der allegorischen und individualisierenden Interpretation der Texte des Hohen Liedes vertraut. Moderne Hörer müssen sich dagegen immer wieder vergegenwärtigen, dass es bei den Motetten nicht nur um emotionale Liebeslyrik geht, sondern dass es für die Komponisten wie die Hörer immer auch um deren eigenes Verhältnis zu Gott ging. Wenn etwa die Braut ihr Verlangen nach dem Bräutigam und ihre Liebe zu ihm besingt, dann sahen sich die Zuhörer selbst in ihrem Verlangen nach einem engen Verhältnis zu Jesus. Diese Frömmigkeitshaltung mag uns als moderne Hörer fremd sein, aber es ist wichtig sich zu vergegenwärtigen, dass es für Franck, seine Sänger, und seine Zuhörer im frühen 17. Jahrhundert um mehr ging als um einige der schönsten Liebesgedichte
der Weltliteratur.

SANDSTRÖM „FOUR SONGS OF LOVE“
Im Chorschaffen des schwedischen Komponisten Sven- David Sandström dominiert geistliche Musik. Seine A-cappella-Werke zeichnen sich durch eine starke Raumsuggestion aus, die er oft mit einfachen Mitteln erreicht; sie wirkt auch in den „Four Songs of Love“ aus dem Jahre 2008. Die Grunddynamik liegt in vielfältigen Schattierungen des Leisen, in einem Klang wie aus weiter Ferne oder wie im Traum; aus ihm heben sich Steigerungen und Ausbrüche hervor. Die musikalische Textdeutung ist an der Alten Musik geschult. Im ersten Lied werden die Rollen der Dialogpartner realistisch verteilt: Drei Frauenstimmen singen den Part der Geliebten, die Männer die Antwort des Freundes; die jeweils Anderen gestalten den Hintergrund. Im zweiten Stück stehen Wellen eines aufgehenden Klangs als Symbol für die Liebe, rasche Figuren für die fliehenden Schatten; beide Tonsymbole sind im Text verankert und tragen doch über ihn hinaus. Die zwei Teile des dritten Liedes entstehen aus Varianten eines sich erhebenden Klangs. Das vierte ist mit seiner unendlichen Ruhe und kurzen raschen Gesten ähnlich wie das erste als tönende Skulptur aus einem Klang geschnitten, der sich kaum merklich im Tonraum bewegt – ein Bild zeitenthobener Seligkeit.

DEBUSSY SYRINX
Debussy komponierte Syrinx für Flöte solo im Jahr 1913. Ursprünglich war das Stück
unter dem Titel „La Flûte de Pan“ als Bühnenmusik zu „Psyché“, einem dramatischen
Gedicht in drei Akten von Gabriel Mourey, vorgesehen. Die Uraufführung des Dramas fand am 1. Dezember 1913 im Pariser Theater Louis Mors statt. Solist war der Flötist und Musikpublizist Louis Fleury, der auch bei späteren Gelegenheiten – Fleury besaß exklusives Aufführungsrecht – gemäß Regieanweisung unsichtbar hinter einem Paravent spielte.
Der Titel des Stückes bezieht sich auf den in Ovids Metamorphosen überlieferten antiken Verwandlungsmythos der Nymphe Syrinx. Auf der Flucht vor dem Hirtengott Pan wurde sie in Schilfrohr verwandelt. Daraus setzte Pan dann eine siebentönige Flöte zusammen, auf der er seine Sehnsucht nach Syrinx beschwor.

DANIEL-LESUR LE CANTIQUE DES CANTIQUES
Daniel Jean Yves Lesur, der Daniel-Lesur genannt werden wollte, war drei Wochen älter als Olivier Messiaen und gründete mit ihm 1936 die Gruppe „Jeune France“. Sie wandte sich vom „abstrakten Konzept“ des Neoklassizismus ab und belebte die spirituellen Dimensionen der Musik neu. Lesur teilte Messiaens Überzeugung, dass sich sinnliche und glaubende Liebe nicht ausschlössen, sondern als Erfahrungen ergänzten und steigerten. In seiner siebenteiligen A-cappella-Kantate brachte er dies dadurch zum Ausdruck, dass er in den französischen Hohelied-Text an bestimmten Stellen lateinische Passagen aus der Liturgie der Messe und der Stundengebete einfügte: das „Kyrie eleison“, das „Miserere“ und das „Dona nobis pacem“ aus dem „Agnus Dei“ als Bitten um Gnade, das „Hosanna“ aus dem „Benedictus“ als Lobpreis dessen, „der da kommt im Namen des Herrn“, dazu einige Psalmstellen und das Alleluia als Jubelruf. Es grundiert den größten Teil des ersten Stückes, ehe die Exklamationen der Freude in ein Summen mit geschlossenem Mund münden, im zweiten erscheint es als Zwischenruf wieder. Im dritten Stück – dem Traum der jungen Frau von der Suche nach ihren Geliebten – wird die Erzählung von zwei geistlich-liturgischen Schichten umgeben: von „Jahwe!“- Rufen und von Versen der Anbetung und des Bekenntnisses; das Stück wirkt wie ein Widerschein der Extremszene in der Passion: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Die kurze Nummer IV, Salomos Porträt, wird durch den Einwurf „Hosianna dem Sohne Davids“ für eine christologische Deutung geöffnet. Vokalisen bilden den Hintergrund zum fünften Stück, das die Schönheit der Geliebten preist; die Überschrift „Der verschlossene Garten“ galt in der christlichen Tradition als Sinnbild für die Jungfrau Maria. In Nummer VI verzichtet der Komponist auf geistliche Beigaben; die Begleitstimmen auf Tonsilben simulieren einen Tanz. Das abschließende Hochzeitslied wird durch den liturgischen Vorspann auf die Braut Christi bezogen; diese kann als Christengemeinde verstanden werden. Die Spannung geistlich–weltlich wird von Lesurs Musik nicht entschieden, sondern versöhnt und in der Schwebe gehalten, wie es dem Text und seiner Überlieferungsgeschichte entspricht.

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